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2013 - 100 Jahre Orchester Rämibühl

Das «Schülerorchester des Gymnasiums Zürich» wurde 1913 vom damaligen Maturanden Walter Schulthess gegründet (zum ausführlichen Bericht). Seine Heimat war die Aula in der «Lümmelburg» (Alte Kantonsschule) an der Rämistrasse 59. Anfangs ein von der Schule unabhängiger Verein, wurde das Schülerorchester im Laufe seiner wechselvollen, aber lückenlosen Geschichte immer mehr in den Schulbetrieb integriert. Seit 1977 ist Musik Maturfach, und «Orchester» gehört als Praktikumsfach zum Stundenplan der beiden Schulen Literargymnasium und Realgymnasium. Diese bestehen seit 1947 als separate Mittelschulen, haben aber in Bezug auf das Orchester stets zusammengearbeitet, seit 1971 unter dem gemeinsamen Dach des Rämibühl-Schulhauses. 

Dieser Symbiose verdankt das Orchester sein Überleben über die Jahrzehnte, denn um MusikerInnen für ein Sinfonieorchester zu finden, braucht es das Einzugsgebiet von zwei Schulen. Auch vom MNG, dem Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Gymnasium, welches auf demselben «Rämibühl-Campus» liegt, wirken einzelne SchülerInnen bei uns mit. Wir nennen uns heute «Schülerorchester der Gymnasien Rämibühl».

Unter den Orchesterleitern sind besonders zu erwähnen: Willy Hardmeier, Rektor des Realgymnasiums, der durch seine charismatische Persönlichkeit das Orchester von 1929 bis 1964 prägte; Armin Schibler, Schulmusiker am Literargymnasium seit 1947 und bekannter Komponist, leitete es von 1964 bis 1971, und Hans Meierhofer führte es in überaus aufopfernder Weise, dirigierend, komponierend und organisierend von 1973 bis 2008. Ihm verdanken wir u.a. die Etablierung des Orchesters im heutigen Fächerkanon der Schulen.

Das Wichtigste für ein Schülerorchester sind aber seine Mitwirkenden! Sie erbrachten und erbringen seit 100 Jahren eine besondere Leistung, oft weit über das obligatorische Schulpensum hinaus. Das Freizeitverhalten, die Gesellschaft und die Kultur mögen sich seit 1913 verändert haben – die Motivation, an der Schule zusammen Musik zu machen, ist jedoch während eines Jahrhunderts dieselbe geblieben und wird wohl weiter bestehen! Viel Prominenz aus Kultur, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft findet sich in den Annalen des Schülerorchesters, vom heutigen Chefdirigenten der Opéra de Paris über den Soloflötisten der Wiener Philharmoniker bis zum früheren Stadtpräsidenten, vom Psychiater oder Pfarrer über Rechtsanwälte und Oberrichter bis zum Chefarzt des Kinderspitals von Kanta Bopha. Ein Meilenstein in der Geschichte unseres Schülerorchesters ist auch die 1983 erschienene, aus einer Semesterarbeit hervorgegangene Chronik des damaligen Realgymnasiasten und Orchesterpräsidenten Matthias Weisenhorn. Das 70-jährige Bestehen des Orchesters wurde auf seine Initiative hin mit einem Festkonzert begangen, an dem Ehemalige jeden Alters teilnahmen. Matthias Weisenhorn gründete auch den Ehemaligen-Verein (VEMS), der bis 2012 bestand. Unser 100-Jahr-Jubiläum feierten wir mit der Teilnahme am Projekt EINSTEIN IM KLEE im Schiffbau Zürich (im Rahmen des Festivals BLICKFELDER 2013).

(Martin Lehmann, 100 Jahre Schülerorchester)

 

 

Zitate - 100 Jahre Orchester Rämibühl

"Unser Schülerorchester bedeutete uns viel und fand auch Beachtung in der Öffentlichkeit. Zu den Maturfeiern kam damals noch ein allerhöchster kantonaler Behördenvertreter. Er hatte die Gewohnheit, sich während der Darbietungen des Orchesters laut mit seinen Sitznachbarn zu unterhalten. Deshalb suchten wir für die Maturfeiern Stücke mit unerwarteten Generalpausen aus, z.B. die Ouvertüren zu «Titus» von Mozart oder zu «Iphigénie en Aulide» von Gluck (dort blieben wir nach dem Halbschluss der langsamen Einleitung sehr lange stehen). Unser Streich gelang jedes Mal: Der hohe Magistrat war in diesen Pausen «solo» zu hören!"

(Martin Lehmann, Matura 1972, Violine, Viola, Dirigent des Schülerorchesters)

 

"Nach wie vor sind 85% der Gelder private Spenden (für die Kinderspitäler in Kantha Bopha), viele letztlich dank dem Cello. Ich wünsche dem Orchester und allen seinen Mitgliedern viel Mut zum Weitermachen. Musik und das Instrument sind nicht («nur») Nebensache."

(Beat Richner, Matura 1956, Violoncello, Günder der Kinderspitäler in Kantha Bopha)

 

"Fast die ganze damalige Gymnasialzeit verbrachten wir, während in Europa Krieg herrschte. Das färbte auf die Atmosphäre an der Schule ab. Nicht nur, weil Lehrer oft im Militärdienst weilten, sondern weil die militärische Disziplin auch den Unterricht beeinflusste. Die Mehrzahl der Lehrer waren auch Offiziere. Benotet wurde ausschliesslich nach Leistung und Prüfung. Da nahm sich das Leben im Schülerorchester wie ein Freiraum für menschlich-spielerische Gefühle und Entspannung aus."

(Theodor Dieterle, Matura 1943, Violine)

 

"Musik war zu jener Zeit Privatsache der (bürgerlichen) Familie. Unterricht gab es nur privat. An kommunale Musikschulen und an Musik als Unterrichts-, ja sogar Prüfungsfach an Gymnasien dachte niemand. In diesem Umfeld waren Schülerorchester, Musikwettbewerb und Schülerkonzerte pionierhaft – dank Prof. Willy Hardmeier."

(Eugen Voss, Matura 1944, Klavier)

 

"Das Schülerorchester gehört zu den schönsten Erinnerungen meiner Gymnasialzeit. Es ermöglichte mir, die zum Teil langweiligen und öden Unterrichtsstunden gut zu überstehen."

(Emanuel Hurwitz, Matura 1954, Viola, Dirigent, Komponist)

 

"Doch das Orchester war in äusserst unerfahreren Händen. In Zürich gab es damals noch keine Dirigentenschule. Ich war getrieben von einer unvorstellbaren Einbildung und einem Hochmut – von Professionalität war aber noch keine Spur! Wir waren ganz einfach eine Gruppe von eingebildeten Gymnasiasten."

(Niklaus Wyss, Matura 1955, Klavier, Dirigent)

 

"Mit dem Schülerorchester probte ich. Ich hielt sehr viel vom gründlichen Arbeiten – und eben Proben. Willy Hardmeier, der damalige Rektor des Realgymnasiums, ein wunderbarer Physiklehrer und der Beschützer des Schülerorchesters, ein Naturmusiker, kam manchmal vorbei - liess uns aber tun und lassen, wie wir es für gut erachteten."

(Rainer Boesch, Matura 1957, Dirigent)

 

"Lange ist’s her und doch noch immer gegenwärtig: Das gemeinsame Musizieren als Mitglied in der Stimmgruppe der ersten Violine und auch als Amateur-Dirigent. Erinnerungen an diese Zeit bestehen aus freskenartigen Fragmenten, aus scharfen Bildern und aus einzelnen unvergesslichen Klängen."

(Dr. Thomas Wagner, Matura 1964, Violine, Dirigent)

 

"Einen Teil des Mutes, Musik zu meinem Beruf zu machen, verdanke ich ganz ohne Zweifel den schönen Erfahrungen im Schülerorchester. Auch deshalb ist meiner Erinnerung viel Dankbarkeit beigemischt."

(Daniel Fueter, Matura 1968, Kontrabass, Dirigent)

 

"Musizieren an der Schule ist eben nicht Vorbereitung auf eine spätere Musikerlaufbahn, sondern nachgewiesenermassen als Hirntraining unentbehrlicher Bildungsbestandteil und eine Schule des Miteinander – und nicht zuletzt sehr viel Spass und konzentrierter Ernst beim Spielen. So wünschen wir uns alle eine glückliche Zukunft für das Schülerorchester Rämibühl!"

(Dieter Flury, Matura 1971, Flöte)

 

Ich erinnere mich, es klang anfangs einfach nur fürchterlich. Der Schritt ins Chaos jedoch führte zu massiven Veränderungen: Freundschaften entstanden, und die Faszination, bei aller Verunsicherung trotzdem ein ansprechendes Resultat zu erreichen.

(Jürg Dähler, Matura 1982, Viola, Violine)

 

aus 100 Jahre Schülerorchester von Martin Lehmann