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Konzert: Winter 2018

Nachdem das Orchester bereits jetzt auf ein sehr ereignisvolles Jahr mit einer Tournee nach Italien (siehe unten), einem Probeweekend und einem eindrücklichen Konzert in der Kirche Fluntern (Details dazu im Archiv) zurückblicken kann, wird im Winter 2017/18, genauer am 6. Februar 2018, ein weiteres Konzert mit nordischer Musik folgen. Es wird um 19.30 in der Grossen Kirche Fluntern beginnen, der Eintritt ist frei.

Der FLYER ist weiter unten zu finden!

 

Wie tritt sie in Erscheinung, lässt sie sich überhaupt dingfest machen, die spezifische Ausprägung des skandinavischen Musikschaffens des 19. Jahrhunderts?
Unser Konzertprogramm ”Norden“ Skandinavische Romantik versteht sich als eine Spurensuche. 

Die Mitternachtssonne, das Polarlicht, ausufernde Dunkelheit, riesige Wälder, Fjorde mit schroffen Felswänden, endlose Weiten der Tundra, tosende Wasserfälle: die kraftvolle Präsenz war und ist inspirierend, aber auch herausfordernd für die Bewohner der nördlichen Breitengrade.

                                                      

      CD-Cover einer isländischen Pop-Gruppe                                  Plakat zu einem Grieg-Festival 1993


So hat sich die intensive Auseinandersetzung mit der Natur in der Literatur, in der Musik und in der Kunst in vielgestaltiger Weise bis in die Gegenwart als prägende schöpferische Quelle offenbart. Bei den Schwergewichten unter den nordischen Komponisten, dem Norweger Edvard Grieg, dem Finnen Jean Sibelius, dem Dänen Carl Nielsen, dem Isländer Jòn Leifs sowie ihren Zeitgenossen finden sich Werktitel wie, Polaris, Geysir, Lichtbogen, Helios, Hella, Karelia usw. in grosser Zahl und legen Zeugnis ab für die breite Akzeptanz dieser Naturbezogenheit in ihrem jeweiligen Umfeld. 

Eindrückliches Briefzitat von Grieg an Brahms von 1896:
„Kämen Sie nur einmal nach Norwegen! Dann würde ich Ihnen zwar nicht eine <tolle> aber etwas noch Besseres, eine <helle> Nacht zeigen können. Und ganz sicher….. noch etwas: den geheimen Ort, wo der Schatz - Ihre V. Symphonie - verborgen liegt! Also bitte, bitte, kommen Sie! Die norwegische Natur ist gross und ernst wie Ihre schönsten Inspirationen. Sie muss Ihnen sympathisch sein!“

Grieg und Sibelius beschwören die konzentrierte Ruhe, die Stille, die sie in ländlicher Abgeschiedenheit finden, um zu komponieren

     

“Ainola“, ein Landsitz fernab von den städtischen Zentren, hier komponierte Sibelius die allermeisten seiner Werke. Liest man von seiner Äusserung aus einer Rundfunkrede „Hier in Ainola, da spricht die Stille, dann erkennt man leicht wie man sich an die ersten Takte seines Violinkonzerts heran hören muss.

Ein ergiebiges Feld für Nachforschungen über die Gemeinsamkeit kultureller Wurzeln ist die nordische Mythologie. Aus mündlichen Überlieferungen entstanden im Laufe der Zeit jene grossen Helden-Epen, welche auch in der Volks- und  Kunstmusik ihre Spuren hinterlassen haben. Eine finnische Tradition mündlich überlieferter Volksdichtung waren die Runen, melodisch einfach strukturierte Melodien aus vorchristlicher Zeit, welche bis ins frühe zwanzigste Jahrhundert auf dem Lande gesungen wurden. 

    Runensänger in Uhtua 1894

Der finnische Arzt und Schriftsteller Elias Lönnrut zeichnete in Karelien, einem östlichen Landesteil Finnlands, zahlreiche mündlich überlieferte Runen auf und verfasste daraus ein zusammenhängendes Werk aus Mythen und Heldensagen, sein berühmtes Epos “Kalevala“. Parallelen zur griechischen und ägyptischen Mythologie lassen sich darin erkennen. Kalevala war von grosser Bedeutung für die Entwicklung der finnischen Kultur, auch Sibelius hat mehrere Werke verfasst, die sich darauf beziehen.

 
     Eine Kalevala-Illustration - Kampf um den magischen Gegenstand Sampo

 

Auch das Bühnenwerk Peer Gynt von Henrik Ibsen, zu welchem Grieg seine Schauspielmusik komponierte, hat seine ursprünglichen Wurzeln in der mündlichen Überlieferung aus der nordischen Sagen- und Märchenwelt. Parallel zu Kalevala wurde auch hier in Norwegen daraus eine schriftliche Sammlung verfasst.

Die bewegte politische Entwicklung Skandinaviens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war geprägt von wechselnden territorialen Liaisons. Schweden herrschte über finnische Gebiete und Dänemark bestand aus einem dänisch-norwegisch-isländisch-schleswig-holsteinisch-grönländischen Reichsgefüge. Die Napoleonischen Kriege förderten die Idee des Nationalstaates. Griegs Musik - in ihrer Verbundenheit mit der heimatlichen Volksmusik und Landschaft - beflügelte diese Bestrebungen nach einer nationalen Identität. Sowohl in Norwegen wie auch in Finnland wuchs der Drang nach politischer Selbständigkeit.
Als Folge der Niederlage Schwedens im russisch-schwedischen Machtkonflikt übernahm Schweden Norwegen, dies als Entschädigung für das vom Wiener Kongress an Russland zugeteilte Finnland.

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Skandinavismus geprägt, eine Verbrüderungsrhetorik der nordischen Völker, welche im Vergleich zu den schwelenden Konflikten um politische Souveränität  neue Schwerpunkte setzte. Auf eine Melodie des schwedischen Hofkapellmeisters Henrik Crusell, ein geborener Finne, wurde in diesem Zusammenhang eine nordische Hymne  komponiert: „ Einmal wird es wieder eins; dann wird der freie mächtige Norden dem Gesang des Volkes zu Sieg verhelfen!“ 
In Finnland verdichtete sich gegen Ende des Jahrhunderts der Widerstand gegen die russische Herrschaft. Die 1899 von Sibelius komponierte sinfonische Dichtung Finlandia feierte unter diesen Umständen umgehenden Grosserfolg. Als geheime Nationalhymne wurde sie von der russischen Obrigkeit sogleich mit einem Aufführungsverbot belegt. 
Im frühen 20. Jahrhundert erkämpfte sich, nach Norwegen und Finnland, zuletzt auch Island die politische Unabhängigkeit.

Die ausgeprägte Tradition des Volksliedgesanges und Tanzes zeigt sich als weiteres verbindendes Element in der Prägung eines nordischen Stils in der Romantik. 
Im Alltag der nordländischen Landbevölkerung waren keine Freizeitaktivitäten möglich, die tägliche, strenge Arbeit fand Erleichterung im begleitenden Gesang. Tanz und Gesang waren aber auch selbstverständliche Elemente familiärer, jahreszeitlicher und religiöser Anlässe. 
Die oft modal gefärbte Melodik der Volksgesänge - mit einer Vorliebe für lydische Wendungen mit erhöhter Quart - lässt sich auch in manchen Kompositionen von Grieg und Sibelius wiederfinden.